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ZURZIBIET

Panini-Bilder-Sammeln mit Gewissensbissen

Redaktor Noah Merz füllt ganze Panini-Alben – und doch löst eine so einfache Sache zunehmend ein schlechtes Gefühl bei ihm aus.
Panini-Bilder-Sammeln
Redaktor Noah Merz zeigt eine Auswahl seiner vollen Panini-Alben.
Foto: Susanne Merz

Am 11. Juni spielt die Fussballwelt über alle Kontinente hinweg wieder verrückt, wenn im Banorte Stadium in Mexiko-Stadt das WM-Eröffnungsspiel der Männer zwischen Mexiko und Südafrika steigt. Für mich als Fussballliebhaber sind das Weihnachtstage im Sommer.

104 Partien werden in knapp einem Monat ausgetragen – das Fussballherz hüpft. Genau genommen begann für mich die WM-Euphorie allerdings bereits am 7. Mai. Seither bin ich diszipliniert am Panini-Bilder-Sammeln. Das Ganze ist für mich wie ein Ritual vor dem grossen Turnierauftakt, ein Aufwärmen, bevor es ernst wird.

Zum ersten Mal dieser Sammellust erlegen bin ich an der EM 2008 in der Schweiz und Österreich. Ich verband die raschelnden Päckchen mit einem Überraschungsei und den Duft der eingepackten Bilder mit der Erlösung: Welcher Spieler wird nun mein Album zieren? Und diese Freude, während ich als damals Siebenjähriger einen Kiosk betrat und die säuberlich geordneten Panini-Bilder im Regal erspähte, war unbeschreiblich.

Immer auch verbunden mit der Hoffnung, das fehlende Bild zu finden und eine weitere Seite im Album zu komplettieren. Glücklicherweise hatte ich Eltern, die mir regelmässig einen Batzen gaben. Weiss Gott, wie viel Geld ich sonst für das Sammeln ausgegeben hätte. In der Schule verbrachte ich ganze Pausen damit mit Kollegen, Bilder zu tauschen. Für gute Spieler habe ich teilweise mehrere mittelmässige abgegeben – als Ausgleich für den Wert eines Aufklebers. Und da gab es durchaus hitzige Diskussionen.

Wenn ich dann im Album jeweils das letzte Bild einklebte, erfüllte mich ein inneres Feuerwerk, das zugleich ein beruhigendes Gefühl auslöste, die Herausforderung abgeschlossen zu haben. Dies, nachdem ich mir über mehrere Wochen ein Lager an doppelten Bildern angesammelt hatte, weil das Gesuchte einfach nicht in den Päckchen enthalten war. Verzweiflung machte sich dabei immer wieder breit. Trotzdem habe ich Turnier für Turnier die gleiche Ochsentour durchgemacht. Bis dato sind neun volle Alben in meinem Besitz.

WM-Ticketpreise für Tausende Franken

Doch in den letzten Jahren habe ich zunehmend Bauchschmerzen gekriegt, wieder ein Album zu kaufen und erneut eine Unmenge an Geld für das Sammeln von Panini-Bildern auszugeben. Im Wissen darum, eine Fussballindustrie zu finanzieren, die sich sukzessive von ihren treusten Anhängern, den Fans, entfernt, nur um den maximalen Profit zu erzielen.

Jüngst standen die horrenden WM-Ticketpreise in den Schlagzeilen, die auf einem dynamischen Preismodell basieren. So waren Ticketpreise für das Eröffnungsspiel zwischen Mexiko und Südafrika für über 2300 Franken im Umlauf – mit steigender Tendenz. Ein Finalticket in der teuersten Kategorie wurde für über 10500 Franken angeboten. Wer soll das noch bezahlen?

Zudem haben sich mächtige Staaten und Akteure ausgebreitet, die mehr auf ihren Einfluss zielen, statt dem Ruf des Fussballs Sorge zu tragen. Seit dem Einstieg des russischen Oligarchen Roman Abramowitsch beim Londoner Klub Chelsea FC in den 2000er-Jahren sind zahlreiche weitere schwerreiche Klubbesitzer hinzugekommen, die den Geldfluss stark ankurbelten.

Ablösesummen für Profispieler von über 100 Millionen Franken sind zur Normalität geworden. Der Portugiese Cristiano Ronaldo erhält beim saudi-arabischen Klub Al-Nassr ein Gehalt von rund 200 Millionen Franken jährlich. Allein die Einnahmen der europäischen Vereine stiegen von 15 Milliarden Euro im Jahr 2013 auf 26 Milliarden Euro im Jahr 2023. Es sind schwindelerregende Zahlen.

48 Mannschaften im Panini-Album

Finanziert wird das unter anderem durch die Vermarktung von Fernsehrechten. Diese Kosten werden letztlich vom einfachen Fussballkonsumenten über teure Abonnements getragen. Parallel dazu steigen auch die Preise in den Fanshops: Ein Trikot, das früher um die 100 Franken kostete, liegt heute bei Grossklubs wie dem FC Barcelona bei bis zu 200 Franken.

Und jetzt werden auch noch die Endausgaben für das Sammeln von Panini-Bildern neue Höchstwerte erreichen. 48 Nationalmannschaften nehmen an der WM teil – so viele wie noch nie zuvor. Entsprechend müssen auch mehr Bilder gesammelt werden, um das Album zu vollenden. Von den Einnahmen profitiert nicht nur das italienische Unternehmen Panini, sondern auch Lizenzgeber wie die FIFA – ein Verband, der ebenfalls längst vom Geld getrieben wird. Soll ich das noch unterstützen?

Wohl bleibt mir kaum eine andere Wahl. Der Fussball mit all seinen Facetten bedeutet mir persönlich zu viel, als dass ich mir ihn von irgendjemandem wegnehmen lasse. Schlechtes Gefühl hin oder her.

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