So also zog Toni am zweiten Aprilmontag vor fast drei Jahren los. Ihr Weg führte sie kreuz und quer durch Deutschland, nach Skandinavien, Irland, die Beneluxstaaten, Frankreich, Spanien und in den Osten nach Österreich, Slowenien, Kroatien, Bosnien, Serbien, Rumänien, Ungarn, Tschechien, Polen, Italien. Einmal setzte sie gar über den grossen Teich, um in Kolumbien zu arbeiten, und einmal verschlug es sie ins marokkanische Atlasgebirge. Jetzt ist sie gerade in der Schweiz – in Schneisingen bei der Josef Lehmann Holzbau AG, um genau zu sein. Dort erhält sie Besuch von einer Redaktorin der «Botschaft», die ihr neugierige Fragen stellt.
Toni, die wichtigste Frage zuerst: Hattest du niemals Heimweh?
Nein, die Wanderschaft ist so aufregend – da ist keine Zeit für Heimweh. Es dauerte aber schon einen Moment, bis ich mein bisheriges Leben, meine Erziehung, meine Prägungen, meine Komfortzone loslassen konnte, um die grenzenlose Freiheit, die mir die Walz bietet, endlich geniessen zu können. Das «Zugreifen» muss man lernen.
Warum hast du dich dazu entschieden, nach der Lehre auf Wanderschaft zu gehen?
Ich wollte die Welt sehen, bevor ich «sesshaft» werde.
Während es für Studenten zahlreiche Möglichkeiten gibt, zum Beispiel in Austauschsemestern oder Praktika die Welt zu sehen, gibt es für Menschen, die einen Beruf erlernt haben, kaum etwas in der Art. Uns fehlt damit die Möglichkeit zur globalen Bildung.
Für uns Handwerker gibt es aber die Walz.
Wie hast du dich darauf vorbereitet?
Für wanderlustige Gesellen gibt es keine Bücher oder schriftlichen Anleitungen, die einem erklären, wie die Walz funktioniert. Wer wissen will, wie es geht, muss sich bei denen erkundigen, die sie bereits hinter sich haben oder schon eine Weile unterwegs sind. Es gilt also zunächst auf einem Wandergesellentreffen jemanden zu finden, der einen abholt und einem das Wanderleben zeigt. Kontakte zu Gesellen entstehen manchmal ganz zufällig oder inzwischen auch übers Internet.
Als ich meinen Mentor gefunden hatte, ging ich nach Hause, reduzierte meine Besitztümer auf Bananenschachtelvolumen, organisierte mir eine traditionelle Reisekluft und schnürte mein Bündel. Ich wurde von anderen Wandergesellen abgeholt und dann gings los.
Die Gesellenwanderschaft ist uralt und gehört zum mündlich überlieferten UNESCO-Weltkulturerbe. Sie hat ihren Ursprung wahrscheinlich im mittelalterlichen Europa und wird von denen lebendig gehalten, die eben wandern. Ich selbst bin bereits Mentorin für zwei junge reisende Gesellinnen.
Was war denn bisher deine eindrucksvollste Station?
Jede Station auf der Wanderschaft hatte einen Zauber für sich. Ein sehr intensives Erlebnis war mein Abstecher nach Marokko ins Atlasgebirge, als ich in einem abgeschiedenen Bergdorf eine Verbindungsbrücke wieder aufbaute. Sie war bei dem verheerenden Erdbeben im September 2023 zerstört worden. Zu diesem Ort führt keine Strasse, nur ein Trampelpfad. Die Bewohnenden transportieren ihre Waren mit Eseln.
Die wenigen Menschen, die das Erdbeben überlebt haben, hiessen mich herzlich willkommen und schätzten meine Arbeit sehr. Die Frauen fanden zwar, dass ich unpassend gekleidet sei. Sie versuchten spasseshalber, beim Waschen hin und wieder meine Kluft verschwinden zu lassen, um mich dann in ihre traditionellen Gewänder zu stecken. Die Menschen sind trotz der Umstände sehr lebensfroh.
Wie lange bist du geblieben?
Zunächst war geplant, zwei Wochen später mit den anderen Wandergesellen zu einer Schulbaustelle nach Sri Lanka weiterzureisen. Aber auf einmal – wir waren schon unterwegs – beschloss ich einem Bauchgefühl folgend, ins Bergdorf zurückzukehren. Mir schien es wichtiger, dort beim Wiederaufbau zu helfen. Anfangs alleine, dann aber gelang es mir, weitere Gesellen und Freunde zu finden, die mir beim Brückenbau halfen. So blieb ich am Ende fast sieben Wochen.
Wie bist du zu dem «Engagement» in Marokko gekommen?
Um sieben Ecken herum. Alles begann auf dem Weg nach Marrakesch, als ich und meine Mitreisenden mit einem Deutsch-Marokkaner ins Gespräch kamen, der uns wegen unserer Kluft ansprach. Über ihn kamen wir zu zahlreichen weiteren Kontakten. Schliesslich setzte uns ein Fahrer in der Nähe des Bergdorfes ab, fuhr weiter, und so standen wir dann da…
Wie habt ihr euch verständigt?
Zuerst mit Händen und Füssen, und mit der Zeit lernte ich von den Kindern ein paar Worte in der Sprache der Bewohnenden. Französisch kann dort keiner, geschweige denn Englisch.
Was hat dich veranlasst, weiterzuziehen?
Normalerweise ist man auf der Walz, um fremd zu sein, Neues zu lernen, neue Menschen kennenzulernen. Sobald sich Routine einstellt, gehts weiter. In Marokko war es allerdings umgekehrt. Der Wunsch, in bekannte Gefilde zurückzukehren, war riesig. Mit Ach und Krach konnten wir die Brücke noch ordentlich fertigstellen.
Kann eine Zimmerin aus Deutschland überall auf der Welt arbeiten?
In meiner Lehre habe ich alles gelernt, was ich brauche, um meinen Beruf in Deutschland auszuüben. Aber die Handwerksbetriebe in der Welt arbeiten sehr unterschiedlich, haben unterschiedliche Werkzeuge, Maschinen und Techniken. Es gibt also auch beruflich wahnsinnig viel zu entdecken. Manchmal muss man sehr kreativ werden. Nicht überall ist man so gut ausgestattet wie hier in Mitteleuropa.
Wie bist du hier gelandet?
Meine Grosseltern, die hier in der Nähe wohnen, sind im Augenblick aus gesundheitlichen Gründen auf etwas Unterstützung angewiesen. Um ihnen unter die Arme zu greifen, habe ich hier in der Gegend Arbeit gesucht und bei der Holzbau Josef Lehmann AG gefunden.
Kommt es auch vor, dass ihr von Betrieben abgewiesen werdet?
Ja, klar. Wenn nicht genügend Arbeit da ist, können uns die Betriebe nicht beschäftigen. Dann ziehen wir eben weiter.
Und wo kommt ihr dann so auf die Schnelle unter?
Ich habe enorm viel gelernt auf Wanderschaft. Unter anderem, dass sich immer eine Lösung findet. Manchmal halt im Tausend-Sterne-Hotel – also unter freiem Himmel.
Du hast noch 73 Tage, dann endet deine Verpflichtung, auf Wanderschaft zu sein. Wie geht es danach weiter?
Ja, die Verpflichtung endet, aber meine Wanderschaft wird wohl noch nicht zu Ende sein. Ich möchte über Zentralasien noch nach China reisen und dann noch zu den Cowboys nach Argentinien und wenn möglich auch noch nach Spitzbergen. Ich gehe erst heim, wenn ich genug habe. Alle einheimischen Gesellen, die ich kenne, sagen, dass auch der Heimweg ein inneres Bedürfnis, eine Leidenschaft sein muss. Sonst besteht später die Gefahr, etwas zu bereuen.









