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WÜRENLINGEN

Der Laden für Vinylsammler

Die «rille» ist einer der grössten Schallplattenläden der Schweiz und ein Ort des Verweilens und Musikhörens.
Plattenladen «rille»
Kurt Mathis zeigt ein Album, das für den Record Store Day herausgegeben wurde.

Vor zehn Jahren eröffnete Kurt Mathis ein Paradies für Vinylliebhaber in einer ehemaligen Schreinerei. Die Akustik in den Räumen ist sehr gut, da die Decke, unter anderem wegen der Fräsmaschinen, isoliert wurde. «Während der Öffnungszeiten läuft immer Musik. Dank einer Praktikantin, die ein absoluter Swiftie ist, werden auch die Songs von Taylor Swift gespielt. Das ist aber nicht meine Welt», meint Mathis schmunzelnd.

Seine erste Platte von Joe Cocker erstand der 69-Jährige vor mehr als 55 Jahren. «Ich habe dieses Exemplar noch. Im Gegensatz zu meinem Sohn, der nicht mehr weiss, welches Stück er zuerst bei Spotify downloadete, sind mir die Klänge des englischen Musikers noch sehr präsent.» Und darum gehe es ihm auch in der «rille». Das Publikum soll die Musik bewusst hören und kennenlernen. Mathis sieht es als Aufgabe des Ladens, dass er Schallplatten führt, die niemand kennt und hört. Er will auf Neues aufmerksam machen.

Sammler

Nicht jeden Kunden interessiert diese Philosophie. «Es gibt Sammler, die kommen mit ihrem Büchlein oder Ausdrucken und streichen dann die ergatterte LP ab.» Diese Hardcoresammler, wie er sie nennt, haben unterschiedliche Sammelleidenschaften, wie Rock, Jazz oder die 60er-Jahre. Entscheidend ist für sie, dass es die Originalpressung ist, die an der Matrixnummer erkannt wird.

«Sehr häufig sammeln Männer», meint er und erzählt, dass der Spruch «Du hast schon so viel» bei diesen Personen nicht gelte, es gehe um den Besitz. «Wir waren halt schon immer Sammler und Jäger, wobei es verschiedene Ziele zum Jagen gibt.» Es könne gut sein, dass diese Langspielplatten nie abgespielt werden, was er bedaure.

Spezialisten

Besitzer von Jukeboxen suchen bei ihm Singles. Da dies meistens Schlager seien, führe er sie, aber privat höre er sie nicht. Durch die Lage des Ladens – nicht an einer frequentierten Passantenlage –, spiele er in der «rille» eh Musik für die Kunden.

Es gebe auch Sammler, die nur Elvis Presley-Produkte suchen. Für den Record Store Day – der internationale Tag unabhängiger Plattenläden findet seit 2008 üblicherweise am dritten Samstag im April statt – wurde eine Spezialpressung zum Song «Blue Hawaii» herausgegeben. Diese Scheibe war zudem eine sogenannte «Liquid-filled Record» mit blauer Flüssigkeit und weissem Sand zwischen den Vinylschichten. Erst in den letzten Jahren kam diese Spezialität auf und spricht ebenfalls einen eigenen Sammlerkreis an.

Eine andere Besonderheit sind die «Splattered Vinyls». Die Platten in unterschiedlichen Farben gab es schon in den 60er-Jahren. Auch die «Picture Disc» (mit eingearbeiteten Bildern) oder die «Shaped Schallplatten», die es in verschiedensten Formen und Ausführungen gibt, sind Objekte, die ihren eigenen Sammlermarkt haben.

Laden als Drehscheibe

Kurt Mathis hat schon als Kind Schallplatten gekauft und keine davon weggegeben. «Zwei habe ich meinem Bruder verkauft, aber später wieder zurückgekauft.» In den 1980er-Jahren gründete er dann in Brugg einen Plattenladen und kaufte ab 1990 Sammlungen auf. «Mit dem CD-Boom wurden Platten nur noch in kleiner Auflage gepresst, und viele verkauften ihre Sammlungen.» Dies führte dazu, dass sein Haus bald von zuunterst bis zuoberst mit Vinyl gefüllt war. Es war ein Glücksfall, dass er die Räumlichkeiten in Würenlingen fand. Inzwischen habe er fast 60000 Schallplatten in den übersichtlichen Regalen, man findet fast alle Genres – ausser Klassik.

Erst kürzlich hat Mathis eine Sammlung erworben, die 10000 Singles, 30000 CDs und 20000 Langspielplatten beinhaltete. Der Sammler hatte über Jahre damit den Keller gefüllt, aber nie etwas angehört. Diese Stücke werden nun im Laden einsortiert, im Keller im Lager versorgt oder im Netz angeboten. Im Internet habe er schon Anfragen aus Italien, Mexiko City, den USA oder Russland erhalten, wobei die Osteuropäer discolastig (zum Beispiel Modern Talking oder C.C.Catch) sind, während sonst die Geschmäcker querbeet seien.

Reisen

Momentan ist Kurt Mathis in Japan auf Reisen. Dort gibt es sogenannte Jazzkissas. «Das sind eine Art Bistros, in denen eine unglaubliche Atmosphäre ist. Die Japanpressungen haben einen sehr hohen Standard, und es ist ein absolutes Vergnügen, dort Musik zu hören.» Diese Begeisterung sieht man auch in der «rille»: Zahlreiche japanische Pressungen zieren als «Bilder» eine Wand, und Mathis meint, dass er nicht traurig sei, wenn diese noch etwas hängenbleiben.

Auch aus Australien, den USA oder von Bali hat er Platten, die er auf seinen Reisen bei lokalen Bands gekauft hatte. «Mein Höchstpreis ist bei ungefähr 150 Franken, sonst kaufe ich lieber eine Repress, im Gegensatz zu Sammlern, die teilweise Tausende von Franken für eine bestimmte Platte bezahlen.» Seine teuerste Platte stammt vom 2018 verstorbenen südafrikanischen Jazz-Gitarristen Philip Tabane, der 1986 am Montreux Jazz Festival auftrat. Mathis kaufte sie für 160 Franken in Südafrika.

Wenn er höchstens fünf Platten auf eine Insel mitnehmen könnte, wären es «Stingray» von Joe Cocker, ein Album von der Rockband Steely Dan und Jazziges von John Coltrane oder Miles Davis. Letzteren habe er dreimal live gesehen, das war begeisternd und beeindruckend.

Persönlich

Sich selbst bezeichnet Kurt Mathis als «Klangfetischist» und betont, dass er die Musik hört und nicht konsumiert. «Für den Klang ist die Nadel des Plattenspielers entscheidend. Es ist schade, wenn in einem qualitativ hochstehenden Gerät eine ‹billige› Nadel über die Rillen geht. Da ich aber kein Technikspezialist bin, biete ich keine Plattenspieler und kein Zubehör an.»

Begeisterung wecken bei Mathis auch die Schallplatten-Cover. Er erklärt, dass nach der Erfindung des Covers durch Alex Steinweiss bei Columbia Records die Verkäufe explodiert seien. Sein grosses und breites Wissen hat sich Mathis übrigens durch die sammelnden Kunden angeeignet und indem er recherchierte.

«Das Cover, die Haptik und die ‹langsame› Musik sind das Gegengewicht zu den CDs und dem Streaming. Eine Langspielplatte kann nicht einfach mal so schnell angehört werden, man braucht dafür Zeit und Musse.»

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