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DÖTTINGEN

Glockenklang

Hans-Peter Schifferle ist ein sogenannter Campanologe. Das heisst, er befasst sich mit Glocken. Was dies bedeutet und beinhaltet, darüber hat er spannend und detailliert Auskunft gegeben.
 Glockenklang
 Hans-Peter Schifferle steht auf einem der ursprünglich zwei Tretbretter, mit denen früher der Bourdon der Kathedrale von Auch (F) von vier Männern mit den Füssen geläutet wurde.

Schifferle, der in Döttingen aufgewachsen ist, ist bekannt als ehemaliger Chefredaktor des Schweizerischen Idiotikons. Für «Die Botschaft» erklärt er regelmässig, woher gewisse Familiennamen stammen. Seit seiner Jugend sammelt er auch Glockenklänge, wobei er gleich erklärte, dass er kein typischer Sammler sei: Für ihn müssen es nicht möglichst viele unterschiedliche Glockengeläute sein.

Wichtig ist Schifferle der Klang. «Ich kann ein Geläute immer wieder anhören, es braucht nicht dauernd etwas Neues zu sein.» Regelmässig geniesst er «seine» Lieblingsglocke Ursula, die im Konstanzer Münster am Sonntag ertönt. Die 450 Jahre alte Glocke ist fast sieben Tonnen schwer und wurde nach dem Krieg in ein neues Geläut integriert. «Das höre ich mir jederzeit gerne an.»

Faszination

Kirchenglocken und deren Klang hatten für den ehemaligen Döttinger schon früh einen besonderen Reiz. Als er in der «Botschaft» las, dass in Fisibach zwei neue Glocken der Aarauer Giesserei Rüetschi in die Kapelle hochgezogen werden, fuhr Schifferle am 11. Mai 1969 mit dem Fahrrad zu Weihe und Aufzug. An diesem Anlass waren auch die beiden alten Glocken blumengeschmückt in einem Leiterwagen ausgestellt und wurden vom Jugendlichen fotografiert. Diese beiden Glocken fand die Denkmalpflege auf seine Initiative hin auf dem Dachboden des Fisibacher Gemeindehauses und inventarisierte sie im letzten Herbst.

Als Glücksfall bezeichnet Hans-Peter Schifferle, dass er seine Gymnasialzeit in Einsiedeln absolvierte. Das Kloster Einsiedeln hat zwölf Glocken und – was ihn speziell begeistert – eine Läuteordnung, die auf einer tausendjährigen Tradition beruht und 120 Seiten in der maschinenschriftlichen Fassung von 1941 zählt. In dieser Ordnung stehe genau, welche Glocke wann, warum, wie lange und mit welchen anderen zusammen geläutet wird. Dort könne man auch erfahren, welche Funktionen den Glocken im Ablauf eines Gottesdienstes zukamen und teilweise noch zukommen. Da bei Weitem nicht alle Gläubigen des Lateinischen mächtig waren, wussten sie anhand von Glockenzeichen, in welchem Teil der Messe sie sich befanden. Als Beispiel führt er die kleinste Glocke des alten Lengnauer Geläuts an, die Schifferles Eltern für ihn 1970 erworben hatten. Diese Glocke, die 1811 in Zug gegossen wurde, hing früher im Chordachreiter und wurde während des Verlesens des Evangeliums geläutet, daher auch ihr Name «Evangeli-Glöggli».

Aktivitäten

Um die Klänge der Glocken zu bewahren, zog Schifferle früher mit einem Tonbandgerät los und nahm das Geläute auf. Die älteste Aufnahme dokumentiert das Läuten des früheren Lengnauer Geläuts in der Silvesternacht1969/1970. Diese Aufnahme wagt er aber nicht mehr anzuhören, da er der Qualität der Tonbandkassette nicht traut.

1995 kaufte er sich dann das erste hochwertige Gerät speziell für Glockenaufnahmen. Auch bei diesen professionellen Aufnahmen zeigten sich nach etwa zehn Jahren teilweise Alterserscheinungen: Bei circa zehn Prozent hat es Pfeiftöne als Nebengeräusche. Aber der Grossteil seiner «alten» Tondokumente sei qualitativ einwandfrei und Schifferle hat sie digitalisiert.

Hans-Peter Schifferle gehört zu den Gründungsmitgliedern der «Gilde der Carilloneure und Campanologen der Schweiz». In diesem Verein finden sich Fachleute und Begeisterte für Glockenspiele und Kirchenglocken sowie Institutionen und Firmen aus der Branche von Glockenguss und Kirchturmtechnik zusammen. In der Vereinsschrift «Campanae Helveticae» werden jährlich Beiträge zur schweizerischen Glockenkunde veröffentlicht. Es gibt schon einiges, das aus Schifferles Feder stammt.

«Sammlung»

Der Campanologe besitzt etwa 2500 Tonaufnahmen von Glocken und Geläuten aus der Schweiz, Deutschland, Italien, Liechtenstein, Österreich, Belgien, Luxemburg, den Niederlanden, England und Frankreich. Diese Aufnahmen sind qualitativ hochstehende Audiodateien, die er nach Ort, Dauer, Geläutedisposition (Schlagtöne) und Giesser geordnet hat. Auf einigen Tondokumenten ist das ganze Geläute zu hören, manchmal auch nur eine einzelne Glocke.

Seit über 30 Jahren unternimmt er zusammen mit dem Präsidenten der Gilde der Carillonneure und Campanologen der Schweiz, Matthias Walter, Inventarisationsreisen zu verschiedenen Kirchen, Münstern und Kathedralen. Diese Ausflüge finden oft an den Hochfesten (Ostern, Pfingsten, Weihnachten usw.) statt, da vielerorts – vor allem in Frankreich – nur dann auch die grössten Glocken zu hören sind. Der Kunsthistoriker Walter bestimmt die Zielregion und kümmert sich im Vorfeld um die Läutezeiten und die Zugänge zu den Glocken. Vor Ort werden dann, neben den Tonaufnahmen, oft auch Klanganalysen der einzelnen Glocken in den Türmen gemacht. Früher geschah dies mithilfe von Stimmgabeln, heute sind die Teiltöne einer Glocke elektronisch eruierbar, was viel einfacher ist.

Vor allem Frankreich

Viele dieser Reisen führen und führten nach Frankreich. In Schifferles Sammlung befinden sich 1236 Glocken- und Geläuteaufnahmen aus dem ganzen Land über einen Zeitraum von mehr als drei Jahrzehnten.

1794, während der Französischen Revolution (1789 – 1799), wurden alle Glocken bis auf eine von den Türmen geworfen und eingeschmolzen. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts, mit dem Wiedererstarken der Kirche, wurde dieser enorme Glockenverlust wieder ganz neu aufgebaut, deshalb sei die Glockenlandschaft von Frankreich besonders interessant. Es verwundert nicht, dass sich in dieser Zeit die französischen Glockengiesser zu den besten überhaupt entwickelten. Die Giesser produzierten ab etwa 1850 Glocken von einer vorher nur selten erreichten Klangqualität und -fülle. Ein eigentliches Meisterwerk ist der von Gédéon Morel aus Lyon gegossene Bourdon (grosse Glocke) der Kathedrale von Auch in Südwestfrankreich (siehe Bild).

Das Geläut, das Hans-Peter Schifferle am liebsten hat, findet sich auch in Frankreich. «Die sechs 1859 von Vater und Sohn Bollée für die Kathedrale von Le Mans gegossenen Glocken gehören zum Schönsten, was ich je gehört habe.» Einen Eindruck der Klangfülle dieses Geläuts ist über folgenden Youtube-Link möglich: https://www.youtube.com/watch?v=3eB9YcMajWQ.

Interessant sei auch die Geschichte dieser Giesserei. Amédée Bollée (1844 – 1917) war wie sein Vater nicht nur ein genialer Glockengiesser, er ging später auch als Automobilpionier in die Geschichte ein. Zu seinem Andenken findet seit 1923 jährlich das legendäre Langstreckenrennen von Le Mans statt.

Pläne

Obwohl Schifferle verneint, ein Sammler zu sein, gibt es noch Klänge, die er gerne aufnehmen würde – nicht systematisch, sondern locker und nach Lust und Laune. Er betont, dass er während seiner Berufstätigkeit kaum wissenschaftlich über Glocken geforscht oder publiziert habe, aber er möchte weiterhin Archive nach Glocken durchforsten, dafür habe er heute als Pensionierter mehr Zeit. Es gäbe noch viel zu tun – und an Ideen und Vorarbeiten fehlt es ihm nicht. Schon heute hat er Materialien in Hülle und Fülle zusammen, die er unter dem Titel «Zurzibieter Glockengeschichten» gerne einem lokal und regional interessiertem Publikum in einer Vortragsreihe oder in Aufsätzen erzählen möchte.

Der Campanologe Schifferle freut sich auch immer sehr, wenn er von Kunsthistorikern und Denkmalpflegern für ihre Publikationen als «Glockenexperte» beigezogen wird. Zum Beispiel, wie oben erwähnt, für die Inventarisation der Kaiserstuhler und der alten Fisibacher Glocken im Rahmen der Erarbeitung des Kunstdenkmalbands Bezirk Zurzach II durch die kantonale Denkmalpflege.

 

 


  


   


  

 

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