Nein, wir rechnen hier gar nicht erst aus, wie viele Fussballfelder es bräuchte, um 18000 Autos zu parkieren. Sven Kamm hat das Glück, dass seine 18000 Autos «nur» Modellautos sind. Die gibt es in Massstäben wie 1:43, 1:24 oder noch grösser in 1:18. Svens Modelle sind hauptsächlich im Massstab 1:64 gehalten und somit nur rund 7 Zentimeter lang, was ihm entgegenkommt: «Anders würde ich sie kaum irgendwo unterbringen können.» Doch auch so hat er nicht gerade zu viel Platz, wie ein Blick in sein Modellautozimmer zeigt:
Lückenlos sind hier nicht nur die Wände mit Modellautos bedeckt, auch die Dachschräge und selbst die Decke sind mit Modellautos verziert. An den Wänden genügen Regale oder Setzkästen für lose Autos und Nägel für Exemplare, die noch in ihren Blister-Verpackungen stecken. Über Kopf schiebt Sven Kamm solche flachen Kartonverpackungen, die farbig bedruckt und meist kunstvoll gestaltet sind, in ein genau dafür bemessenes Schienensystem. Die in ihren aufgeklebten, durchsichtigen Kunststoffschalen nach unten ragenden Autos lassen sich so fast genauso gut betrachten wie an der Wand. Man muss nur nach oben schauen.
Wie alles begann
Solch eine Sammlung und dann noch ein so beeindruckender Raum entstehen natürlich nicht über Nacht. Alles begann, als klein Sven seine Grossmutter zum Einkaufen begleitete: «Sie war glücklicherweise auch autoaffin und hat mich an der Kasse nicht zurückgehalten, als ich ein kleines Auto aufs Förderband gelegt habe.» Sven war fasziniert von dem kleinen, in glitzerndem Pink lackierten, bunt bedruckten und tiefergelegten 1959er Cadillac Eldorado von Hot Wheels, den er übrigens heute noch besitzt. Sven wollte mehr – und erhielt die Unterstützung seiner Eltern. Fortan kam er noch so gerne mit, wenns zum Einkaufen ging. Was auch ging, war sein Taschengeld – immerhin für etwas von bleibendem Wert.
So klapperte Sven, Jahrgang 1997, seit den frühen 2000er-Jahren die Läden in der Umgebung ab: «Da war immer die Hoffnung, dass ich ein neues, schönes, spannendes Auto finde.» Aus ein paar Autos wurde eine kleine Sammlung, wobei sich bald eine Vorliebe für sportliche japanische Fahrzeuge und Ferraris abzeichnete. Sein Regal füllte sich mit Modellen der Marken Majorette, Matchbox und Hot Wheels. Die deutschen Siku waren ihm zu spielzeughaft. Weitere Angebote gab es damals in seiner Umgebung nicht. Das änderte sich allmählich mit dem Zugang zum Internet und dem dortigen weltweiten Handel. Seit ein paar Jahren bereichern die Sammlung auch höherwertige, sehr viel detailliertere Modelle, die sich ausschliesslich an Erwachsene richten.
Sammeln muss kein einsames Hobby sein
Schon in jungen Jahren knüpfte Sven erste Kontakte zu Gleichgesinnten: «Auf dem Schulhof haben wir getauscht, was wir doppelt hatten, wie bei den Panini-Bildchen.» Als Jugendlicher wechselte er offiziell vom Spielen zum Sammeln. Anders als Gleichaltrige nur wenige Jahre zuvor musste er sich nie schämen, in der Spielzeugabteilung immer noch nach «Autöli» zu suchen, während seine Altersgenossen längst Bier tranken und Zigaretten rauchten.
Bald gab es dann Leute, die Modellautos über Online-Plattformen wie Amazon oder Ricardo verkauften. Hin und wieder kaufte Sven ihnen etwas ab und blieb vielfach mit ihnen in Kontakt. So richtig Fahrt aufgenommen hat Svens Hobby dann ab etwa 2015 mit Social Media. Seit 2016 arbeitet er an seiner eigenen Web-Präsenz. Nützlich ist in diesem Zusammenhang sein Bachelor-Studium in Webdesign, auch für seine Anstellung als Digital Content Developer und Marketing Assistant, wobei er zuständig ist für die Website seines Arbeitgebers und dessen Social-Media-Aktivitäten.
Auch in der Freizeit viel zu tun
Unter dem Stichwort «toycarsaddict_daily» betreibt Sven in seiner Freizeit eine eigene Website sowie Kanäle auf YouTube, Instagram, Facebook, X (vormals Twitter) und TikTok plus einen Internet-Shop für Modellautos. Hin und wieder ist er auch persönlich als Modellauto-Verkäufer anzutreffen, zum Beispiel, wenn der Zurzimärt einmal jährlich im Kurpark zu Gast ist.
Nach all diesen Aktivitäten bleibt dann allerdings nicht mehr viel Freizeit übrig. Doch der immense Aufwand lohnt sich: Sein YouTube-Kanal mit derzeit knapp 690 Videos bringt es momentan auf 523000 Abonnenten, auf Instagram sind es 199000 Follower. Auf seinen Kanälen behandelt er in kürzerer oder längerer Form Neuigkeiten aus der Modellautowelt, vergleicht ähnliche Modelle unterschiedlich positionierter Marken wie Hot Wheels, MiniGT oder Tarmac Works und gewährt Einblicke in seine Sammlung.
Mit Geschick und Ideenreichtum
Schon vor Jahren hatte sich Sven Kamm auf Instagram wachsende Aufmerksamkeit verschafft mit Fotomontagen von Modellen, die er selbst gerne gekauft hätte, aber noch nicht erhältlich waren. Ein schönes Beispiel für ein noch nicht existentes Wunschmodell ist der grosse, kantige GMC-Lieferwagen aus dem Film «Zurück in die Zukunft» mit zeitreisefähigem DeLorean auf der Ladefläche. Vor Kurzem hat Mattel tatsächlich ein «Hot Wheels Back to the Future 40th Anniversary Set» mit diesen beiden Fahrzeugen auf den Markt gebraucht.
Durch seine täglichen Veröffentlichungen wird Sven Kamm nach wie vor reichlich Aufmerksamkeit zuteil. Im Netz sehen ihn viele gar als Idol. Da fragen ihn Jugendliche, wie sie die Erlaubnis der Eltern für dieses Vorhaben bekommen, und etwas ältere Follower, ob jenes Modellauto eine Wertsteigerung erfahren wird. «Da werde ich fast schon zum Seelsorger.»
Hot Wheels, Matchbox und Co.
In den 1950er-Jahren bat eine Tochter ihren Vater, einen britischen Spielzeughersteller, ihr ein Fahrzeug zu bauen, das in eine Streichholzschachtel passt. Geboren war die Marke Matchbox, deren Autos schon bald die allermeisten Kinderzimmer besiedelten. Die Wägelchen waren im Massstab 1:64 gehalten, wobei diese Zahl in der Praxis grosszügig gerundet sein konnte, damit die Autos in die Verpackung passten. Daher ist es möglich, dass ein Rolls-Royce neben einem Mini Cooper merkwürdig stark verkleinert wirkt. Daran hat sich bei den günstigeren Angeboten bis heute wenig geändert.
Was sich über die Jahrzehnte geändert hat, sind die Besitzverhältnisse der Modellautohersteller: Majorette, einst aus Frankreich, gehört seit 2010 zur deutschen Simba-Dickie-Gruppe, Matchbox seit 1997 zu Mattel. Der amerikanische Spielzeugriese hatte 1968 als Konkurrent für Matchbox seine Hot Wheels auf den Markt gebracht, wobei die ganz frühen dieser Autos, die sogenannten Redlines mit ihren roten Ringen auf den Rädern, heute sehr gesucht und entsprechend teuer sind. Dass sich ein guter Zustand wertsteigernd auswirkt, versteht sich dabei von selbst.
Apropos Wert: Egal, um welchen Hersteller es sich handelt – sofern sich das Auto noch in der originalen Verpackung befindet, ist es automatisch (deutlich) mehr wert als ein identisches, das lose daherkommt. Nun liesse sich lange darüber diskutieren, ob Modellautos in ihrer nicht schadlos zu öffnenden Verpackung bleiben oder davon befreit, ertastet und erfühlt werden sollen.









