notifications
BAD ZURZACH

«Dechele» – aus reiner Freude am Sujet

Rita Indermühle sammelt Kaffeerahmdeckeli. Sie hat viele Tausend davon. Alle sind fein säuberlich in speziell dafür gedachten Mäppchen in rund 20 Alben abgelegt.
Lebensraum 2026
Rita Indermühle, zu Hause in ihrem Wohnzimmer, beim Einordnen der neusten Kaffeerahmdeckeli. Die Ordnerumschläge sind eingebunden mit Deckeli, die sie in mehrfacher Ausführung besitzt.
Foto: Thomas Färber

Das Kaffeerahmdeckeli – es hat (meistens) einen Durchmesser von vier Zentimetern, ist 0,03 bis 0,04 Millimeter dick und verfügt über eine Lasche, dank der sich das Deckeli vom Kaffeerahmbecherli abziehen lässt.

Heute sind diese Deckeli meist aus Kunststoffmaterial gefertigt, früher wurden sie aus Alu- oder Verbundfolie hergestellt. Per Schweisspunkt sind sie an einer Stelle (manchmal auch an drei Stellen) ans Becherli herangeschweisst. So ist sichergestellt, dass der Kaffeerahm luftdicht verschlossen im Becher – und haltbar – bleibt. 

Die Lasche des Deckels kann rund oder spitz zulaufend sein und ist unter Umständen gerippt.

Wichtig: In der Kaffeerahmdeckeli-Szene wird unterschieden zwischen Deckeln, die auf Bechern waren, die im Restaurant zum Café Crème abgegeben werden und zwischen solchen, die im Detailhandel zu kaufen sind. Im Fall der Einzelportionen aus den Caféterias sprechen Sammler von Deckeln in «Restaurantform». Im Detailhandel dagegen werden die Kaffeerahmportionen nicht einzeln, sondern als 10er-Packungen vertrieben. Das einzelne Rähmli kann an einer Stelle weggeknickt und abgelöst werden. Die Form dieser Deckel ist daher leicht anders, es sind Deckeli in «Riegelform». 

Der Funke springt über

Rita Indermühle – Ur-Zurzacherin, gebürtige Staub, Coiffeuse, später auch Geschäftsführerin von Coiffeursalons und seit 15 Jahren engagiert im Märtchorb – kam Mitte der 1990er-Jahre zum ersten Mal in Berührung mit den Kaffeerahmdeckeli. Nicht weil sie selbst sammelte, sondern weil sie im Auftrag einer anderen Person Ausschau hielt nach Deckelchen mit reizvollen Motiv-Sujets.

Mit steigender Zahl Deckeli, die ihr durch die Hand gingen, stieg das eigene Interesse am Objekt – bis Indermühle vor 30 Jahren selbst zur Sammlerin wurde.

Fortan abonnierte sie das dünne Heftchen, welches quartalsweise herausgegeben wurde und auf fünf bis sechs Seiten die aktuellsten Kaffeerahmdeckeli-News zusammenfasste. Sie erfuhr bald auch, dass dort angekündigte Serien jeweils in der Woche darauf in der Manor-Filiale in Baden erhältlich waren. Manor-Besuche wurden an Dienstagen somit zum Pflichtprogramm.

Wer im Detailhandel Glück hatte, konnte mit dem Kauf mehrerer Packungen à zehn Kaffeerähmli bereits alle Sujets einer Serie erwerben. Falls das nicht auf Anhieb gelang, galt es die Deckeli im Nachhinein über Tausch zu erwerben – was umständlicher war.

Das Sammeln von Deckeli, die in Restaurants zum Café abgegeben wurden, gestaltete sich aufwendiger. Indermühle macht kein Geheimnis daraus, dass sie zu Zeiten als sie das Hobby intensiv betrieb, auch einmal höflich am Nachbartisch fragte, wenn dort ein Kaffeerähmli aufgetischt wurde, dessen Deckel in ihrer Sammlung noch fehlte.

Mit Pinzette und «Köpfmaschine»

Indermühle begann Alben mit Mäppchen zu führen, in die sie die Deckeli mit speziell dafür gedachter Pinzette einordnete. Sie erwarb die Schweizer Kaffeerahmdeckeli-Kataloge «Käppeli», herausgegeben von und benannt nach dem vermeintlichen «Deckeli-König» Thomas Käppeli. Diese «Deckeli-Bibeln» führten alle zu diesem Zeitpunkt bekannten Kaffeerahmdeckeli-Serien und -Variantenserien auf. Auch Richtpreise waren den Katalogen zu entnehmen.

Eine Kaffeerahmbecher-Köpfmaschine – ja, so heisst das Ding – durfte im Haushalt der Familie Indermühle natürlich auch nicht fehlen. Dazu eine Flasche Leichtbenzin. Mit der Maschine wurde das Becherli guillotinenartig «geköpft». Der Rahm fand Verwertung im Essen, zum Beispiel für die Zubereitung von Kartoffelstock. Das Deckeli mit dem obersten Deckelrand des Becherlis wurde derweil ins Benzin eingelegt, an die drei Stunden. Danach konnte das Deckeli abgelöst, im Seifenwasser gebadet und – wieder mit Hilfsmitteln – glattgestrichen und getrocknet werden. Jetzt erst durfte es ins Album abgelegt werden.

Das Führen einer Fehlliste, auf der die noch fehlenden Deckeli eingetragen sind und die Pflege von Kontakten waren (und sind) entscheidend für den Sammlererfolg. Rita Indermühle hat bis heute Tauschfreundinnen, mit denen sie korrespondiert und Deckeli tauscht.

Rückläufiges Geschäft

Zur Hoch-Zeit – als Rita Indermühle mit dem Sammeln begann – kamen in der Schweiz pro Jahr Dutzende Serien mit Kaffenrahmdeckeli-Sujets heraus. Einmal sogar ganze 150 Serien in einem einzigen Jahr.

Heute ist das komplett anders. Zum einen hat die Euphorie fürs «Dechele» spürbar abgenommen, zum andern gibt es nur noch wenige Hersteller von Kaffeerahmportionen. Stellte früher fast jede grössere Molkerei Kaffeerähmli her – sie hiessen zum Beispiel Emmi, Cremo, Burra, Toni, Intermilch, Vermo, Butterzentrale Gossau und Aargauer Zentralmolkerei – liegt die Herstellung heute in den Händen von gerade mal drei Firmen: Emmi, Cremo und ELSA.

Übertrieben es die Kaffeerahmproduzenten zu Bestzeiten, als sie von jeder Serie noch x Varianten herausbrachten, müssen Sammlerinnen und Sammler heute froh sein, wenn überhaupt neue Serien auf den Markt kommen. 2024 wurden 18 Serien und sieben Varianten, im letzten Jahr noch 15 neue Serien herausgegeben. Im 2026 ist bislang keine neue Motiv-Serie erschienen.

Heute muss Rita Indermühle auch nicht mehr in einem Katalog oder in einer «Zytig» blättern, um eine Übersicht zu erhalten. Dank der Plattform www.krd.ch (krd steht für Kaffeerahmdeckeli) findet ein Grossteil des Sammelns auf digitalen Kanälen statt.

Hauptsache Freude

Was für Rita Indermühle, bei allem Wandel, gleichgeblieben ist: Sie «dechelet» bis heute aus reiner Freude am Sujet. Ihr gefallen die vielfältigen Motive. Nicht selten, so sagt sie, lerne die Sammlerin auch das eine oder andere hinzu und – ganz wichtig – das Sammeln sei eine Form des Abschaltens, habe meditativen Charakter.

Was Indermühle indes nie machen würde, wäre, allzu viel Geld zu bezahlen, um eine ihrer Serien zu vervollständigen oder um an eine der Deckeli-Raritäten – zum Beispiel die berühmten Burra-Deckeli mit dem «Blick»-Sujet von 1979 – zu gelangen.

«Ich kann damit leben, nicht alle Serien vollständig zu haben. Es ist das Sammeln und Tauschen, das mich reizt.»

Mehr zum Thema
merken
Nicht mehr merken
X

Sie haben den Inhalt der Merkliste hinzugefügt.