Liebe Lesende, Sie denken jetzt vielleicht an Gold und Edelsteine oder wenigstens Bitcoins. Weit gefehlt. Das Herz eines Geocachers schlägt nicht für den materiellen Reichtum, nicht einmal unbedingt für Ruhm und Ehre. Nein, den Geocachern geht es um etwas anderes. Um ihre Ambitionen zu verstehen, begleitet die Redaktorin der «Botschaft» vier begeisterte Geocacher aus Full-Reuenthal zu einem Geocache-Event – und fängt, wenig überraschend, sofort Feuer.
Geocacher seit sie laufen können
Nicole Nydegger steckte sich 2009 mit dem Geocacher-Fieber an und infizierte etwas später damit ihren Mann André. Als die gemeinsamen Kinder laufen konnten, machten sie sich als Familie auf die semi-digitale Suche verborgener Schätze. Heute sind die ältere Tochter Alessia und die Zwillinge Kaya und Liam 13 und 11 Jahre alt.
An einem windigen Sonntagvormittag im April treffen sich «Nyddies» oberhalb Unterendingens in der Buhalde mit rund 30 anderen Geocachern aus der näheren und ferneren Umgebung, um ein ganz besonderes Versteck aufzuspüren. Mama Nicole ist diesmal nicht dabei – sie genehmigt sich einen Ausflug in die Ostschweiz.
Kneippen für den Schatz
Der begehrte Cache – ein kleines Logbuch, in das sich die Schatzjäger eintragen können – ist schwer zugänglich. Er befindet sich nämlich in einer Erzhöhle. Ihr Eingang liegt im Wald in einer Senke und misst gerade mal 30 Zentimeter im Durchmesser. Was jetzt schon bekannt ist: Die Höhle dahinter ist ungefähr 20 Meter lang. Das Versteck liegt am anderen Ende. «Auf den letzten Metern müsst ihr kneippen», heisst es im «Listing» – der Kommentarseite auf der Geocaching-App. Der Hinweis wurde vom sogenannten «Owner» verfasst, von jener Person, die das Logbuch in der Höhle versteckt hat, und lässt vermuten, dass ein Stück des Weges durchs Wasser führt. Klingt abenteuerlich? – ist es auch.
Schatzsuche im Rudel
Spinnen- oder Klaustrophobiker kommen hier nicht weit. Aber auch mit Mut allein ist es nicht getan. Nicht umsonst ist dieser Cache der schwierigsten Kategorie D (Difficulty) 5 zugeordnet. Wer einen solchen Cache erreichen will, braucht die richtige Ausrüstung. In diesem Fall einen Spaten, um das Einstiegsloch zu vergrössern, eine Stirnlampe und Ersatzkleider für die Heimreise. Weil das Unterfangen nicht ungefährlich ist, ist gute Gesellschaft ratsam – deshalb hat der «Owner» diesen Event organisiert. So können auch Cacher ohne Höhlenerfahrung diese Trophäe ihrer Sammlung hinzufügen.
Die Sammlung: Abenteuer, Freundschaften, Smileys
Sammlung? Ach ja, wichtig zu wissen ist natürlich: Der Eintrag im Logbuch berechtigt die Cacher, den Cache auf ihrem Profil in der Geochaching-App als gefunden zu markieren. Auf der persönlichen, virtuellen Karte erscheint der ehemals grüne Markierungspunkt dann als Smiley und wird dem Finderkonto gutgeschrieben. Mitnehmen dürfen die Cacher die gefundenen Schätze in der Regel nicht. Die Sammlung ist also meist rein virtueller Natur.
Menschen «aller Gattig»
Eine Zusammenkunft abenteuerlustiger Leute hat nicht nur den positiven Effekt der gegenseitigen Absicherung. Sie führt auch «aller gattig» Menschen an ungewöhnlichen Orten zusammen. Von der SBB-Mitarbeiterin zum Maschinenbauingenieur, von der Schülerin zur Kantonsangestellten, vom Postboten zum Informatiker. So unterschiedlich ihre Lebenswelten sein mögen – sie alle eint an diesem Sonntagmorgen dieses eine Ziel: den Cache in der Höhle zu finden. Und nicht selten ergeben sich dabei ganz reale Freundschaften.
Kinder müssen draussen bleiben
Das gesellige Stelldichein am Waldrand neigt sich dem Ende zu. Jetzt gilts ernst. Die ersten Abenteurer machen sich mit Spaten am Höhleneingang zu schaffen. Sie wechseln sich ab. Derweil versammelt sich der Rest in der Senke und beobachtet das Geschehen. André setzt seine Stirnlampe auf. Seine Kinder will er vorläufig nicht ins Höhleninnere mitnehmen.
Kaya und Liam sind enttäuscht. Liam will das Argument der fehlenden Ersatzkleider nicht gelten lassen und schlägt vor, die Höhle im Adamskostüm zu erkunden. Kaya ist sogar bereit, ihre Angst vor Spinnen zu überwinden. Aber Papa André bleibt unnachgiebig. Die Cacher sind für ihre Sicherheit selbst verantwortlich. Es gibt Verstecke, die kindgerechter sind, als dieses.
Des «Owners» Lohn
Warum machen sich die «Owner» die Mühe, Schätze zu verstecken? Was haben sie davon? Geocacherin Claudia Laube erklärt es so: «Die Cacher kommentieren den Fund im Listing der App und bedanken sich für den Cache. Ist er besonders kreativ und reizvoll versteckt oder liegt er an einem besonders schönen Ort, erwähnen sie das meist lobend. Das und der Spass an der Sache sind des ‹Owners› Lohn.»
Der Beginn einer grossen Sammlung?
Während sich Nydeggers am Ende des Events dreckig, nass und wahnsinnig stolz den Cache der höchsten Schwierigkeitskategorie als 2683. Fund gutschreiben lassen können, verzeichnet die neu beigetretene «Botschaft»-Redaktorin gerade mal eine Handvoll Smileys auf der digitalen Landkarte. Aber sie weiss: Jede grosse Sammlung begann einmal mit dem ersten Stück.






