Unscheinbar steht es auf einem der Regale im Dorfmuseum, das «Fliegerbuch N. P. C. K.». Stefan Kolb hat es einst, zusammen mit einem Bündel weiterer ähnlicher Bücher, aus einer Papiersammlung gerettet.
Der robuste Kartoneinband ist stark abgenutzt, der breite Leinenstreifen am Buchrücken ist jedoch intakt. Flugvehikel aller Art zieren den in Blau gehaltenen Buchumschlag. Das Buch ist ein Blickfang.
Wer es öffnet, entdeckt grün-gräuliche, leicht vergilbte Blätter, ein Braunton hat sich über die äusseren Ränder der Seiten gelegt.
Die blaue Schrift ist nach wie vor gestochen scharf, die bunten Aufkleber auf der Seite daneben sind bestens erhalten. Die Ränder der Sticker leuchten immer noch in hellem Weiss.
Was sofort ins Auge sticht: Die Aufkleber sind makellos, und fehlerfrei eingeklebt. Praktisch ausnahmslos stehen sie im rechten Winkel zur Buchseite. Da hat sich jemand sehr viel Mühe gegeben.
Wissensvermittlung trifft Marketing
Beim Fliegerbuch handelt es sich um ein Schoggibildli-Buch.
«N. P. C. K.» – die Abkürzung steht für vier Firmennamen: Nestlé, Peter, Cailler und Kohler. Alles Schokoladenproduzenten aus der Schweiz.
Zuerst waren es die Firmen Peter aus Vevey und Kohler aus Lausanne, die die Zusammenarbeit suchten, nur sieben Jahre später, 1911, schlossen sich «Peter et Kohler» mit Cailler, ebenfalls aus Vevey und die älteste noch existierende Schokoladenmarke der Schweiz, zusammen. 1929 schliesslich erwarb die mit Säuglingsnahrung gross gewordene Nestlé die Firma Peter-Cailler-Kohler.
In einer «kleinen Einleitung» zum Fliegerbuch wenden sich Nestlé, Peter, Cailler und Kohler an ihre Leserschaft (und Kundschaft): Sie berichten von Traumberufen, die die Jugend mit der Fliegerei in Verbindung bringt. Der eine, so heisst es, wolle vielleicht Pilot werden, ein anderer träume davon Flugzeuge zu bauen, das Mädchen möchte den Beruf der Stewardess erlernen. «Sind es unerfüllbare Wunschträume, welche diese Kinder hegen? Nein, heute nicht mehr! Vorbei sind die Zeiten, da der Mensch sehnsüchtig dem leichten Flug der Vögel nachblickte. Heute sind die kühnsten Träume Wirklichkeit geworden, und wie die Vögel überqueren Menschen die Berge, Kontinente und Ozeane. Morgen gehörst vielleicht auch du zu den mutigen Bezwingern der Lüfte, lieber junger Leser!»
Das Erscheinungsjahr des «Fliegerbuchs»: Weihnachten 1948. Gedruckt worden war es in der Schweiz.
Das Buch umfasste 24 Kapitel zur Geschichte der Fliegerei. Wobei auf der einen Seite jeweils ein längerer Hintergrund-Text stand, auf der anderen Seite fanden sich zwölf Felder für Aufkleber-Bildli.
Zu finden waren die Sticker, die Produzenten nannten sie damals «Bildermarken», im Detailhandel. Sie waren verpackt in den Schokoladentafeln der vier Hersteller.
Hunderte Bilder
Das «Fliegerbuch» war nicht das erste Schoggibildli-Buch, das die Schokoladenfirmen herausbrachten. Ganz im Gegenteil, es markierte eher den Schlusspunkt einer Entwicklung.
Die ersten Bücher mit Aufklebern von Schokoladenherstellern kamen in der Schweiz um 1920 heraus. Die Buchstaben waren zu Beginn in anderer Reihenfolge angeordnet – «P. C. K. N.».
Es wurde unter anderem ein Bilderbuch mit einer grossen Serienmarken-Sammlung herausgegeben. Sie bestand aus 120 Serien à je 12 Bildermarken. Total waren somit 1440 Aufkleber zu sammeln – und entsprechend viele Schokoladen zu kaufen.
Später folgten die Wissensbücher «Wunder aus aller Welt» in drei Bänden, in jeden Band waren 300 Bildermarken einzukleben.
Um 1930 brachten die Firmen zuerst eine «Spielmappe» heraus, danach in sechs Bänden, ab 1932 und bis in die mittleren 1940er-Jahre, die Geschichten-Bilderbücher «N. P. C. K. erzählt», mit jeweils 25 Märchen und Erzählungen. Auch dort waren jeweils 300 Bildli einzukleben.
Vorgänger und Nachfolger
Die Schweizer Schokoladenhersteller erfanden die Welt nicht neu, als sie die «N. P. C. K.»-Sammleralben herausbrachten.
Im Nachbarland Deutschland hatte die Schokoladen- und Kakaofabrik «Gebr. Stollwerck» bereits 1840 damit begonnen, zusammen mit ihrer Schokolade, Sammelbilder für die Kundschaft zu verpacken. Zwei Generationen später, um die Jahrhundertwende, brachte Stollwerck über Verkaufsautomaten für Schokoladen jährlich mehr als 50 Millionen Reklamebilder in Umlauf.
Und: Bilderzugaben in Form von Aufklebern blieben im darauffolgenden 20. Jahrhundert keineswegs auf Schokolade beschränkt. Sie setzten sich auch für Produkte wie Margarine, Kaugummi, Teigwaren, Kaffee und Fleischextrakte durch.
Erst etwa ab 1960 wurden Sammelbilder und Aufkleber separat in Papiertütchen verpackt direkt an Mann, Frau und Kinder gebracht. Die Firma Panini aus Nettetal trat um 1970 in den Markt und gab 1979 das erste Bundesliga-Album heraus.







