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MELLIKON

Faszination Schellackplatte

Sie sind zwei Millimeter dick und zerbrechlich, haben meistens auffällige Etiketten und werden auf Grammophonen abgespielt: Schellackplatten. Stefan Kolb sammelt die Vorgänger der bekannteren Vinylschallplatten seit Kindertagen.
Lebensraum 2026
Stefan Kolb im Dorfmuseum Mellikon. Auf seinem Schoss ein mobiles Koffer-Grammophon der Marke Thorens, in seiner Hand die Schellackplatte von 1939 mit dem Stück «S'Landidörfli» von Marthely Mumenthaler.
Foto: Thomas Färber

Alles begann in der Stube der Eltern.

Stefan Kolb, seit über 50 Jahren mit Ehefrau Ursula in Mellikon daheim, stammt ursprünglich aus Klingnau. Das Altstadthaus «zum Farbhof» war sein Zuhause. Stefans Eltern, Albert und Ruth Kolb, führten im Erdgeschoss eine Drogerie. Albert Kolb hatte diese 1942 von Philipp und Bertha Binkert übernommen, wenig später heiratete er deren Tochter Ruth Binkert. Das Ehepaar Kolb führte neben der Drogerie im gleichen Gebäude auch ein Labor zur Entwicklung von Fotografien.

In der privaten Wohnstube über der Drogerie hatten Stefan Kolbs Eltern ein Grammophon stehen. Eine Handvoll Schellackplatten standen in Griffweite daneben. Eine davon war mit dem Stück «Stille Nacht, heilige Nacht» bespielt.

Stefan Kolb kann sich gut erinnern: «Wir Kolb-Buben, ich bin mit drei Brüdern aufgewachsen, haben diese Platten sehr verehrt. Abgespielt wurde die Musik an Heiligabend, nachdem mit dem Glöckchen auf den Besuch des Christkindes aufmerksam gemacht worden war.»

Nur unweit der Drogerie Kolb, im «Höfli», stand das Gebäude der Druckerei Bürli. Die sechs Kinder von Armin und Hilda Bürli waren ungefähr im gleichen Alter wie die Kolb-Brüder. Die Freizeit verbrachte man zusammen, meistens draussen. Bei Regenwetter jedoch begab man sich zum Zeitvertrieb in den Estrich des Bürli-Gebäudes. Dort stand ebenfalls ein Uralt-Radio, mit dem Platten abgespielt werden konnten. «Wir sassen häufig als knappes Dutzend Kinder im Estrich zusammen und lauschten dem Plattensound. Das war ein Erlebnis – und hat bei mir nachhaltig Spuren hinterlassen», so Stefan Kolb.

Nach einem Zufallsfund – er hatte auf der Abfallsammelstelle ein altes, noch funktionsfähiges Grammophon entdeckt und mit nach Hause genommen – war seine Sammelleidenschaft für Schellackplatten endgültig geweckt.

Vorgängerin der Vinylplatte

Schellackplatten waren die Vorläufer der Vinylschallplatte. 

Vermutlich durch den deutschen Unternehmer Emil Berliner gegen Ende des 19. Jahrhunderts in den USA erfunden – der Auswanderer hatte Erfahrungen mit Hartgummiplatten gesammelt, bevor er auf Schellack auswich – sind die Platten, wie ihre Nachfolger, nach dem Rohstoff benannt, aus dem sie hergestellt wurden.

Basis des Schellack-Materials bildeten die Ausscheidungen von Lackschildläusen. Hergestellt wurde Schellack hauptsächlich in Asien. Für ein Kilogramm Schellack waren, so wird geschätzt, rund 300000 Läuse notwendig.

Mahlt, zerquetscht und erwärmt man Schellack mit weiteren Füllstoffen wie Bariumsulfat, Schiefermehl, Russ, Asbest und Baumwollflocken, wird daraus eine harzige, verschleissfeste Pressmasse. Mit Walzen konnten daraus in der Folge in mehreren Schritten Schellackplatten gepresst und geschnitten werden.

Die Platten hatten in der Regel einen Durchmesser von 25 Zentimetern. Die Musik wurde als in Seitenschrift geschriebene Rillen auf die Platten gepresst. Mit der groben Stahlnadel des Grammophons konnten die Rillen abgetastet werden. Zur standardisierten Abspieldrehzahl einer Schellackplatte wurden 78 Umdrehungen pro Minute, weshalb in Bezug auf Schellackplatten manchmal auch von «78er-Platten» die Rede ist.

Die Vorteile von Schellackplatten waren: Die Klangqualität war für damalige Verhältnisse hoch, die Haltbarkeit der Platten gut. Sie konnten kaum verkratzt werden.

Die Schellackplatten hatten aber auch Nachteile: Sie waren zerbrechlich und schwer, konnten spröde werden und durften auf keinen Fall mit Alkohol gewaschen werden.  

Etwa ab Mitte des 20. Jahrhunderts begann sich die praktisch unzerbrechliche, aus PVC gefertigte Vinylschallplatte, durchzusetzen – Schellackplatten verschwanden zunehmend vom Markt. 

Die Sammlung wächst

Stefan Kolb kam gegen Ende des Schellackplatten-Zeitalters auf den Geschmack – und das wurde zu seinem Glück.

Bald hatte sich in Klingnau und Umgebung herumgesprochen, dass Kolb-Junior eine Schwäche hatte für Schellackplatten. Immer öfter, so Kolb, hätten sich Bekannte bei ihm gemeldet, mitgeteilt, dass sie auch noch eine Kartonkiste voll Schellackplatten hätten und gefragt, ob er Interesse daran hätte. Kolb sagte nur selten Nein. 

Kam hinzu: Nach seiner Drogistenlehre – der spätere Melliker Gesamtschullehrer dachte damals noch nicht ans Unterrichten – trat Kolb eine Stelle in Zürich an. In den Jahren 1970 bis 1973 war das. Im Kosmetiklabor, in dem er arbeitete, wurden Lotionen und Cremes zur Behandlung von Akne hergestellt.

Der Arbeitsort Zürich brachte einen angenehmen Nebeneffekt. Ungefähr zweimal wöchentlich bot sich für Kolb die Möglichkeit, nach Arbeitsschluss noch etwas im städtischen Brockenhaus zu schmökern. Schellackplatten gab es dort in grosser Menge; ganz zur Freude Kolbs. 

Ein ganzes Album für ein Lied

Die grosse Mehrheit der Schellackplatten in Kolbs Sammlung sind bis heute durch einfache, braune Hüllen aus Papier geschützt.

Er besitzt aber auch in Leineneinband gebundene Exemplare, eigentliche «Alben». Sie gelten heute unter Sammlern als Raritäten, vor allem wenn sie in gutem, gepflegtem Zustand sind.

Die 5. Symphonie Beethovens in c-Moll ist so ein Beispiel, die Stefan Kolb in gebundener Form zu Hause stehen hat. Beleg-Exemplar «No. 333». Eingespielt hatte das Stück das Orchester der National Broadcasting Company von Dr. Arturo Toscanini. Das Buch umfasst vier Platten, alle sind doppelseitig bespielt. Ein Blickfang ist die Etikette. «His Master’s Voice» – der klingende Name jener Plattenfirma, die die Aufnahme damals herausgab. Dazu das markante Signet mit Hund und Grammophon. 

Bemerkenswert ist: Beethovens 5. Symphonie konnte auf Schellackplatten nicht am Stück abgespielt werden. Siebenmal musste dafür die Platte gewendet respektive durch eine nächste ersetzt werden.

Raritäten aus dem Brocki

Kolb sammelte die Schellackplatten nie obsessiv. Er erwarb sie oder nahm sie entgegen, wenn sich Gelegenheiten boten. Mehrfach führten Zufälle zur Erweiterung der Sammlung.

In einem Heilsarmee-Brockenhaus musste er einmal nur 40 Rappen für ein Kilo Schellackplatten abliefern. «Da habe ich dann doch etwa 20 Kilogramm nach Mellikon gebracht», sagt Kolb mit einem Schmunzeln.

Und einmal, so erzählt Kolb, sei er gar im Brockenhaus in Zurzi auf eine Sammlung «78er»-Platten gestossen. Bei der Mehrheit dieser Platten handelt es um solche, die nur einseitig bespielt waren. Die berühmte «B»-Seite gab es nicht. Die zweite Besonderheit: Bei fast allen von diesen Platten handelte es sich um solche von Enrico Caruso. Caruso galt zu Beginn des 20. Jahrhunderts als einer der bekanntesten und besten Tenöre der Welt. Er starb 1921, in Neapel, 48-jährig.

Heute sind Kolbs Caruso-Platten Kulturerbe. Es sind Zeugnisse aus einer Zeit, als Caruso noch nicht mit einem Mausklick in die Gegenwart zu holen war.

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